Sander Kurier; Ausgabe v. Januar.2003

Meistens klingelt es mittags

Guntraud Schepker führt Besucher durch Dorf und Kirche / Verwachsen mit der Heimatkunde

Sie ist ein Original und weiß, wo sich die Originale befinden. Als heimatkundlich interessierte Frau freut sie sich, ihr Wissen weiterzugeben: Guntraud Schepker. Fünf Häuser hinter der Kirche wohnt sie im ersten Stock eines Mietshauses. Am Schlüsselbrett hängt ein schwarzer Schlüssel, der 20 Zentimeter lange Türöffner fürs Gotteshaus. Auch hier verbringt sie gerne ein paar Stunden und erzählt. "Ein festes Programm gibt es bei mir nicht. Wenn die Leute fragen, dann dauert es länger", sagt Kirchenführerin Schepker.

Guntraud Schepker kam in Jever zur Welt. Das war im Jahre 1932. "Zufäffigerweise bin ich am neunten Tag gleich in die Herrlichkeit Gödens umgezogen." Guntraud Schepker lacht. Sie nimmt es mit Zahlen, Daten und den Fakten ganz genau. Dennoch ist sie ein humorvoller Mensch. Ihre Kindheit verlebte die 70-Jährige auf dem Wedelfeld 175, auf der Olmühle. "Up platt heet dat Ollimöhlen", weiß sie.

Als wäre es gestern, so genau erinnert sich Guntraud Schepker an die Zeit, als sie im Stall ihrer Eltern manchmal eben auch unter dem Pferd lag. Das war der Wallach Hansi. Sieben Kühe fraßen Heu und gaben viel Milch. Es waren gute Zeiten. Bis der Krieg kam. Der Zweite Weltkrieg war ein einschneidendes Erlebnis. "Wir Kinder mussten jede Nacht in den Bunker." Und auch der Wunsch für das kommende Jahr hat einen historischen Bezug: "Ich wünsche uns Frieden auf Erden und dass es allen Menschen gut geht. Krieg mag ich nicht."
Nach der Schulzeit und der Arbeit auf dem elterlichen Hof wanderte Guntraud Schepker für 21 Jahre aus. Sie arbeitete im Rheinland - als Zimmermädchen. Es war dann die Familie, die sie zurückkehren ließ. Ihr Vater erkrankte und "in der Wohnung in Köln regnete es an fünf Stellen durch". In der Schneekatastrophe 1979 war Schepker wieder in Neustadtgödens. Es war gar nicht einfach, sie habe Vater und Mutter gepflegt. Und im Sommer 1979 war wohl die Nachricht "Die Vareler wollen die Mühle auf dem Wedelfeld abbauen", die sie aktiv werden ließ. Die jetzt 70-Jährige und andere Heimatfreunde wollten diesen Kultur-Diebstahl verhindern und gründeten den Heimatverein. Bekanntlich ist der Verein sehr erfolgreich, nicht nur in der Verteidigung der Mühlenflügel. "Da haben viele Menschen an einem Strick gezogen", freut sich Schepken

Auch beim Heimatmuseum war Guntraud Schepker von Anfang an dabei. Und jetzt läuft sie als Stadtführerin immer noch durch Neustadtgödens, um den Touristen die historischen Feinheiten zu erzählen. Diese Führungen sind für Schepker "ein Geben und ein Nehmen".
Für die Kirche hat Guntraud Schepker auch den Haustürschlüssel. Meistens klingelt es mittags an ihrer Haustür, und eine Gruppe möchte die Kirche besichtigen. "Dann müssen die Kartoffeln runter vom Feuer", sagt Schepker und schmunzelt. Denn es dauert eine ganze Zeit, ehe sie wieder an den Tisch zurückkehrt. Und dann erzählt sie die Geschichte vom "tollen Altarbild in der Kirche. Es ist im Grunde ein katholisches Bild, denn unter dem Kreuz sitzt Maria. Das Kunstwerk ist in Berlin entstanden und der Maler Ter Westen hat damals auch die Deckenmalerei der Preußen vorgenommen. Die Gödenser haben sich das Bild aus Berlin mit Pferd und Wagen abgeholt", weiß sie.
Wenn sie mal keine Dorf- oder Kirchenführung hat, dann bleibt für Schepker noch die Zeit, um alle sechs Wochen den heimatkundlichen Arbeitskreis des Heimatvereins zu besuchen, um mit den Kollegen von Hans-Wilhelm Grahlmann bis zu Ingeborg Nöldeke über die Vergangenheit zu reden.

Guntraud Schepker kennt die Originale von Neustadt und erzählt Besuchern das Wissenswerte über das Dorf.