Jeversches Wochenblatt; Ausgabe v. 04.01.2003

Gemeinde hat Synagoge verkauft

Steuerberater aus Hagen will das Gebäude als Zweitwohnung und auch die Ausstellungsräume nutzen

-m- Neustadtgödens. Die Suche nach einer neuen Galeristin war erfolglos. Ein glücklicher Zufall löste für die Hauseigentümerin dann das Problem. Die Gemeinde Sande hat zum Jahreswechsel die ehemalige Synagoge in der Kirchstraße an einen Steuerberater aus Westfalen verkauft. Im Grundbuch beim Amtsgericht ist verankert worden, dass dieses denkmalgeschützte Haus nicht zu einer Gaststätte oder gar zu einer Spielhalle umgenutzt werden kann.
Der Kaufmann Wolfgang Linke aus Hagen fuhr im vergangenen Jahr durch Neustadtgödens. Während einer Oldtimer-Rallyeverliebte sich seine Frau sofort in das Objekt. Über das Internet kam schließlich die Verbindung zu Stande. Das Ehepaar Linke wird in Neustadtgödens seinen Zweiwohnsitz "zum Abschalten" einrichten. Auch für die Ausstellungsräume im unteren Bereich des Hauses hat Wolfgang Linke eine Idee. Der Mann besitzt Raritäten auf Rädern. eshalb will er Teile seiner H-Null-Eisenbahnsammlung und sehenswerte Wiking-Autos ausstellen.
Bis Mitte der 80er Jahre nutzte die Freiwilligen Feuerwehr Gödens die Synagoge. 1987 ließ die Gemeinde Sande das geschichtsträchtige Haus aufwendig sanieren. Das Ehepaar Ulrike und Elmar Schlieper baute eine kleine, aber feine Galerie auf. Ulrike Schlieper hat mit ihrer Arbeit als Galeristin in Neustadtgödens Zeieben gesetzt, sie zog sich nach mehr als zehnjähriger Tätigkeit aus dem Kunstbereich zurück. Die Suche nach einer neuen Galeristin blieb erfolglos.
Die Gremien der Gemeinde stimmten dem Verkauf zu. In den Verhandlungen sei man übereingekommen, dass "der Charakter des Hauses erhalten bleibt", berichtete Bürgerineister Josef Wesselmann unserer Zeitung.
Hier ein kleiner Auszug aus der Historie dieses Hauses: Im Jahre 1852 hat die 197 Seelen zählende jüdische Gemeinde im Marktflecken Neustadtgödens eine Synagoge erbaut. Hier an der Grenze zwischen dem Oldenburger Land, Ostfriesland und dem Jeverland entwickelte sich der Handelsplatz prächtig. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, so berichteten Heimatforscher, seien überwiegend erfolgreiche Getreidehändler gewesen.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichteten Volksschule wurden bis Ende 1921 noch sechs Schüler unterrichtet. Viele Jahrzehnte hatten Juden, Katholiken, Reformierte, Lutheraner und Mennoniten in Neustadtgödens zusammengelebt. Im Jahre 1914 lebten 27 jüdische Famlien in Neustadt.
Schmerzliche Spuren hinterließ die "Reichskristallnacht" am 9. November auch bei den noch in Neustadtgödens lebenden Juden. SS-Männer verhafteten die jüdischen Bürger.
Die Synagoge selbst überstand die Pogromnacht unbeschädigt. Ein Kaufmann nutzte das Gebäude als Farblager, weshalb die Nazis wahrscheinlich kein Feuer legten.

Die Gemeinde Sande hat die Synagoge in Neustadtgödens an einen Steuerberater verkauft. Das Erdgeschoss des unter Denkmalschutz stehenden Hauses soll für eine Ausstellung dienen.
Foto: Mehrtens