tonline Nachrichten Niedersachsen v. 01.08.2010, 12:17 Uhr | DDP

Erste deutsche Meisterschaft der Ausrufer

Neustadtgödens (ddp). Neustadtgödens hat fünf Kirchen, zwei Windmühlen und zwei Ausrufer. Der eine Ausrufer ist in Bronze gegossen, der andere ist quicklebendig und heißt Hinrich Janßen. Bei Bedarf zieht er mit seiner Musketieruniform und einer Glocke durchs Dorf, um Vereins- oder Volksfeste anzukündigen. An diesem Samstag ruft und schellt der 51-Jährige nicht allein. Ausrufer aus ganz Deutschland sind nach Neustadtgödens im Landkreis Friesland gekommen, um sich bei der ersten Ausrufer-Meisterschaft zu messen.

Die neun Wettbewerbsteilnehmer müssen in zwei Durchgängen ihre Redegewandtheit unter Beweis stellen. Zum einen wird ein Ausruf über den Heimatort, zum anderen das Anpreisen einer regionalen Köstlichkeit verlangt. Laut Reglement dürfen dazu jeweils 100 bis 125 Wörter benutzt werden. "Erklären Sie Labskaus mal in 125 Wörtern", sagt Ausrufer Günter Kruggel aus Cuxhaven. "Da ringt man um jedes Wort." Letztlich preist er dem Publikum das Leibgericht der Seeleute und Friesen in exakt 123 Wörtern an. Niedersachsen

Der gelernte Koch und Industriekaufmann Kruggel schlüpft als Ausrufer in die Rolle des Cuxhavener Originals Albert Hermann. "Da er klein war, hatte er immer ein Treppchen dabei, auf das er gestiegen ist, damit die Leute ihn hören konnten", sagt Kruggel. Dieses Requisit fehlt bei Kruggels Auftritt natürlich nicht. "Das passt gut zu mir, ich bin ja auch nicht so groß", sagt der 53-Jährige.

Das Ausrufen ist für die Akteure ein Hobby und für ihre Gemeinden eine willkommene touristische Attraktion. Früher war das anders. Gemeindebedienstete, sogenannte Ausrufer oder - wegen der Glocke - auch Ausscheller, verbreiteten nach Angaben von Janßen etwa bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts mündlich amtliche Bekanntmachungen. "In Neustadtgödens gab es das bis 1962. Dann übernahmen wie fast überall auch bei uns Zeitungen, Funk und Fernsehen diese Aufgabe", sagt der 51 Jahre alte Tischler. Als der Heimatverein die Tradition 1992 wieder aufleben lassen wollte, habe er sich gemeldet, "weil ich wohl einen kleinen Tick habe".

An die komischen Blicke der Besucher hat sich Rebekka Müller aus Aidhausen in Franken gewöhnt. Die 22 Jahre alte Krankenschwester ist die einzige weibliche Teilnehmerin der Meisterschaft. Sie setzt seit zehn Jahren eine inzwischen 70-jährige Familientradition fort. Wie ihr Ur-Opa und Opa wird auch sie von der Gemeinde beauftragt, Bekanntmachungen in dem 800-Seelen-Ort auszurufen. Dabei gehe es oftmals um Ankündigungen von Versammlungen, sagt sie.

Noch gut erinnert sich Müller daran, als das Wasser mit Kolibakterien verunreinigt gewesen sei. "Da musste ich fast eine ganze Seite vorlesen, beispielsweise, dass das Wasser vor Gebrauch abgekocht werden muss und ähnliches." Danach sei sie fix und fertig gewesen. Denn immerhin gebe es 40 Stellen im Dorf, an denen sie ausrufen müsse. Die Anzahl ihrer Einsätze variiere. "Es können sechs im Jahr oder auch vier im Monat sein", sagt sie.

Vor dem Auftritt bei der Meisterschaft ist Müller ein wenig aufgeregt. "Im Ort macht es mir überhaupt nichts aus, aber auf einer Bühne zu stehen, das ist schon etwas anderes", sagt sie und zupft an dem blauen Seidenband ihrer original fränkischen Tracht. Viel Zeit zur Vorbereitung habe sie nicht gehabt. So habe sie ihren Text erst zweimal durchgelesen. "Dafür ist meine Stimme relativ kräftig, weil ich mit schwerhörigen Patienten öfter laut reden muss."

Bundesweit gebe es etwa 35 Ausrufer, schätzt Janßen, frischgebackener Präsident der neugegründeten Deutschen Ausrufergilde. Die Idee zur Meisterschaft sei im vergangenen Jahr entstanden, nachdem es bereits ein offenes Treffen in Neustadtgödens gegeben habe. Er selbst tritt als Gastgeber nur außer Konkurrenz an, ebenso wie Guy Vandendriessche. Der belgische Ausrufer, der der Veranstaltung in seiner prachtvollen englischen Tracht von 1840 einen Hauch internationalen Glanz verleiht, wollte nach eigenen Worten unbedingt dabei sein. "Die erste Meisterschaft der Ausrufer in Deutschland ist ein historischer Moment", sagt er.

Als erster Meister der Ausrufer wird am Ende Heiko "Charly" Sander aus Jever (Landkreis Friesland) gekürt. Den zweiten Platz belegt Ralf Schymon aus Minden (Nordrhein-Westfalen) vor Hans-Joachim Moll aus Hamberge in Mecklenburg-Vorpommern.

ddp